UMTS Zeitungsbericht April 2001

Heute Abend hatte ich endlich einmal Zeit einen sehr interessanten, wenn auch betagten, Bericht aus der Financial Times Deutschlands abzutippen.

Was haltet Ihr davon? Da der Artikel über ein Jahr alt ist, kann man teilweise schon jetzt erkennen was eingetroffen ist und was nicht.

Ich bitte um Feedback.

Aus der FTD vom 25.4.2001

UMTS: Zerbrochene Träume

Von Juha Päätalo, Hamburg

Ist die milliardenteure Mobilfunktechnik UMTS schon überholt, bevor sie überhaupt ans Netz geht? Studien zufolge gibt es in Zukunft billigere und ähnlich leistungsfähige Alternativen, die das multimediale Zukunftsgeschäft untergraben könnten.

Wenn es einen Konkurrenten gibt, vor dem sich Telekom-Chef Ron Sommer kein bisschen fürchtet, dann ist es wahrscheinlich Ernst Folgmann. Der 53-Jährige leitet seit Februar das spanisch-finnische Konsortium Group 3G, das eine der sechs milliardenschweren Lizenzen für die dritte Mobilfunkgeneration in Deutschland (UMTS) erworben hat. Während Sommer am Dienstag bei der Vorlage seiner Bilanzzahlen stolz 21 Millionen Mobilfunkkunden in Deutschland präsentieren konnte, hat Folgmann bislang noch keinen einzigen.

Entmutigen lässt sich der Group-3G-Chef deshalb aber noch lange nicht. “Welchen Wert haben diese Kunden?”, fragt er fast empört. Und beantwortet sein Frage gleich selbst: “Es gibt Anbieter, die bis zu 80 Prozent Prepaid-Kunden haben. Wenn wir mit den richtigen Produkten auf den Markt kommen, besitzen wir selbstverständlich eine Chance.”

Milliardengrab

Und von solchen Produkten, so glaubt Folgmann, werde es Tausende geben: “UMTS wird eine farbige Welt für bewegte Bilder.” Wenn er sich da mal nicht täuscht. Die Zweifel, dass sich die gigantischen Investitionen der Netzbetreiber für die dritte Mobilfunkgeneration (3G) zügig einspielen lassen, nehmen ständig zu. Je detaillierter sich die Experten mit den Möglichkeiten und Marktchancen der neuen Technik auseinander setzen, desto größer die Ernüchterung. Immer mehr Studien warnen vor einem Milliardengrab.

Einen Vorgeschmack auf die künftigen Probleme gab am Dienstag NTT Docomo. Der japanische Mobilfunkkonzern kündigte an, seine UMTS-Einführung – die weltweit erste kommerzielle – um vier Monate zu verschieben. Grund: Die Stabilität des Netzes könne bislang nicht garantiert werden.

Vor wenigen Wochen hatte bereits eine Studie der Unternehmensberatung McKinsey für Unruhe in der Handy-Branche gesorgt. McKinsey geht davon aus, dass durch die Einführung von UMTS europaweit rund 270 Mrd. Euro an Kapital vernichtet werden. Selbst den deutschen Marktführern D1 und D2 prophezeien die Berater riesige Anlaufverluste. Für Folgmanns Group 3G fällt das Urteil vernichtend aus. “Business case hoffnungslos” soll auf dem vertraulichen Papier stehen.

Schneller und Günstiger

An die blumigen Versprechungen der Techniker, für die das Handy je nach Bedarf entweder zum Walkman, zum Fernseher, zum tragbaren Internetterminal oder zur Urlaubskamera mutierte, wollen inzwischen auch die Mobilfunkkonzerne nicht mehr so recht glauben. So kommt eine Pilotstudie des finnischen Anbieters Sonera, der zu 42,8 Prozent an Group 3G beteiligt ist, zu einem eher ernüchternden Ergebnis: Die ideale Länge eines mobilen Videoclips liegt danach bei gerade mal zwei Minuten. Wer mit solch kurzlebigen Diensten die immensen Vorleistungen amortisieren will, muss sich ziemlich viel einfallen lassen.

Selbst wenn diese Dienste entwickelt würden, bleibt die Frage, ob sie sich nur über UMTS-Netze abrufen lassen. Einer Untersuchung des renommierten japanischen Finanzdienstleisters Nomura zufolge wird es schon bald alternative Techniken geben, die viel schneller und günstiger sind als UMTS und den neuen Standard von zwei Seiten in die Zange nehmen könnten. Die Nomura-Experten glauben, dass lokale Funk-Netzwerke, wie es sie bereits in Flughäfen und Firmenzentralen gibt, UMTS künftig in vielen Bereichen kannibalisieren.

Die Gefahr, die von solchen lokalen Stationen ausgeht, ist den meisten Mobilfunkunternehmen wohl bekannt. Sie versuchen das Risiko jedoch kleinzureden. Bis heute weigern sich die Verantwortlichem beim Handy-Riesen Nokia, die lokalen Netze als vierte Mobilfunkgeneration – kurz 4G – zu bezeichnen. Obwohl sich dieser Name in der Branche längst etabliert hat. Und obwohl die meisten UMTS-Handys gleich so entwickelt werden, dass sie auch 4G-tauglich sind.

Die Finnen fürchten offenbar um ihre Milliarden-Investitionen in UMTS. Wie viele seiner Konkurrenten fertigt Nokia nicht nur die Endgeräte, sondern baut auch die Netze auf. Und weil die Netzbetreiber derzeit klamm sind, gewähren ihnen Ausrüster wie Nokia und Ericsson hohe Lieferantenkredite.

Die derzeit führende 4G-Technologie, die unter dem kryptischen Namen “Wireless LAN” (Local Area Network) vermarktet wird, war ursprünglich für Laptops entwickelt worden. Wireless LAN ermöglicht es den Nutzern von tragbaren Rechnern, sich auch ohne umständlichen Kabelsalat in firmeninterne Netzwerke einzuloggen. Vorausgesetzt, das Gerät verfügt über ein entsprechendes Empfangs- und Sendemodem und wird maximal 100 Meter entfernt von der Basisstation eingesetzt.

Diese Technik hat nach Ansicht von Branchenkennern das Potenzial, sich rasch auszuweiten. Neben Flughäfen und Bürogebäuden würde sie sich beispielsweise auch für Hotels oder Konferenzzentren eignen, also überall dort, wo große Datenmengen zur Übertragung via Web anfallen.

Der große Vorteil von Wireless LAN: Es wird rund 170-mal schneller sein als UMTS, wenn dies an den Start geht. Zudem ist der Aufbau lokaler Netze viel billiger. Eine Basisstation kostet nur rund 2000 DM. Und weil 4G auf unregulierten Frequenzen funkt, benötigt der Betreiber noch nicht einmal eine Lizenz.

In den USA und Skandinavien ist Wireless LAN bereits relativ weit verbreitet. Paul Fuller, Vice President des US-Netzwerkausrüsters 3com, wundert das nicht im Geringsten: “Gerade wegen der niedrigen Kosten wird diese Technologie rasant vorankommen.” So bietet die Airline American Airlines ihren Fluggästen in den Business-Lounges einen Internet-Zugang über Wireless LAN – kostenlos.

Lockangebot

Je mehr Unternehmen diesem Beispiel folgen und die Technik als Lockangebot für Kunden einsetzen, desto weniger Umsatz bleibt für die dritte Mobilfunkgeneration. Zumal sich der Wettbewerb zu Beginn des UMTS-Zeitalters auf die Ballungszentren konzentrieren wird.

Doch Wireless LAN ist nicht die einzige offene Flanke der Mobilfunkkonzerne. Denn zeitgleich zum Aufbau der UMTS-Stationen müssen sie ihre herkömmlichen Handy-Netze aufrüsten, um keine Kunden an die Wettbewerber zu verlieren. Die Lizenz von E-Plus läuft noch bis Ende 2012, die von Viag Interkom sogar bis Ende 2016.

Beobachter halten es nicht für ausgeschlossen, dass die traditionellen Netze, wenn sie erst einmal aufgepeppt sind, sogar Videofilme ohne spürbaren Qualitätsverlust übertragen können. Damit wäre die teure UMTS-Technik für die zahlreichen, aber wenig kaufkräftigen Internet-Kids auf absehbare Zeit kein Muss. Die Strategen des Münchner Elektronikriesen Siemens gehen jedenfalls davon aus, dass bis 2005 nur 15 Prozent der Mobilfunknutzer auf den neuen Standard umschwenken.

Ähnlich wie Nomura kommt daher auch der umfangreiche UMTS-Report des britischen Finanzdienstleisters Durlacher zu dem Ergebnis, dass UMTS-Netze auf absehbare Zeit vor allem im Umkreis von Großstädten genutzt werden, und dort in erster Linie außerhalb von Gebäuden. Ein Szenario, das unter Fachleuten noch als optimistisch gilt.

Denn nach wie vor ist unklar, ob Wireless LAN nicht vielleicht doch im Freien funktioniert. Zumindest in Großstädten gilt dies als theoretisch möglich. “4G wird eine Lösung für drinnen und UMTS eine für draußen bleiben”, sagt Olli Martikainen von der finnischen Firma Necsom, die Hardware für 4G-Netze entwickelt. 3com-Manager Fulton hingegen sieht “keine unüberwindbaren Probleme” für eine Expansion der lokalen Technik. Behält er Recht, käme dies einem Todesurteil für viele Mobilfunkanbieter gleich.

Dann könnte sich ausgerechnet das Unternehmen als später Gewinner herausstellen, das bei der UMTS-Auktion in Mainz vorzeitig aufgegeben hat: die Swisscom-Tochter Debitel. Deren Chef Peter Wagner bereut heute jedenfalls nicht mehr, aus der Versteigerung ausgestiegen zu sein. Er will sich das Massaker offenbar lieber als Zuschauer ansehen.

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