Heute vor 100 Jahren…

So sehen Meister aus
Heute vor 100 Jahren fand das erste Endspiel um die Deutsche Fußballmeisterschaft statt – unter teils deftigen, teils bizarren Umständen. Der VfB Leipzig gewann damals die begehrte Viktoria nach einem 7:2 über den DFC Prag
von Udo Muras

Seine Nachfahren spielen heute in der vierten Liga. Eine Reise in die Kindertage des deutschen Fußballs – in die große Zeit der wunderbaren Leipziger.

Vor hundert Jahren, am 2. Juni 1903, erschien im Leipziger Tageblatt der folgende Spielbericht:

Vom Deutschen Fußball-Bundestag in Hamburg. Zu Pfingsten tagte der Bund in Hamburg; hierbei kam das Entscheidungsspiel um die Meisterschaft des Deutschen Fußballbundes zum Austrag. Es siegte der Leipziger Verein für Bewegungsspiele über den Prager deutschen Fußball-Klub überlegen mit 7:2. Das Spiel fand am ersten Feiertag auf dem kleinen Altonaer Exerzierplatz statt und es hatte sich hierzu fast die gesamte Fußballwelt Hamburg-Altonas, sowie die auswärtigen Besucher des Bundestages eingefunden. Unter größter Spannung der Zuschauer nahm der Kampf seinen Anfang. Leipzig hatte den Anstoß und spielte mit dem Winde, aber gegen die blendende Sonne. Die Prager machten in der ersten Spielhälfte die größten Anstrengungen, Erfolge zu erzielen, und es gelang ihnen, nach 11 Minuten den ersten Ball ins Leipzigs Thor einzuschießen. Ein äußerst heißes Ringen spielte sich während der ganzen ersten Spielhälfte ab. In der 31. Minute zog Leipzig gleich, dann vermochte keine der beiden Mannschaften bis zum Ende der ersten Spielhälfte ein weiteres Goal zu erzielen, so daß das Spiel bis dahin 1:1 stand. In der zweiten Hälfte machten sich bei den Pragern bald Zeichen der Ermattung fühlbar. Die Mannschaft hatte sich bei dem rasenden Tempo ausgepumpt, und konnte weder dieses noch das anfangs recht gute Zusammenspiel fortführen. Das gewissenhafte Training der Leipziger Bewegungsspieler verhalf ihnen zu einem überlegenen Siege, denn sie konnten in der zweiten Spielhälfte noch 6 Tore erzielen, während Prag nur noch ein zweites hinzuzufügen vermochte. Die Leistungsfähigkeit und Ausdauer zeigte sich bei dem herrschenden heißen Wetter im glänzendsten Lichte.

Deutschland im Frühjahr 1903. Seit 15 Jahren wird das Reich mit all seinen Kolonien von Kaiser Wilhelm II. regiert. Der ADAC ist gerade gegründet worden, die Wahlen zum elften deutschen Reichstag stehen bevor. Theo Lingen kommt auf die Welt, die der große Theodor Mommsen im November verlassen wird. Im April leitet er noch den Historikertag in Rom. Und in Bremen findet ein Kongress zum Thema Alkoholismusbekämpfung statt. Alles ist wichtiger als Fußball – die ersten Deutschen Meister könnennicht wirklich erwartet haben, dass die Presse die Namen der Torschützen, geschweige denn eine Aufstellung vom Endspiel druckte. In der Leipziger Volkszeitung stand keine Zeile von dem epochalen Ereignis. Die zehn jungen Männer, vier Angestellte, zwei Studenten, drei Lehrlinge und ein Schüler – einer fehlt noch, die in Begleitung von drei Vorstandsherren am Pfingstsamstag in den Nachtzug von Leipzig nach Hamburg steigen, stört das Desinteresse an ihrem Hobby nicht. Sie haben sich der “Fußlümmelei”, die aus England kommt und im Reich noch kritisch gesehen wird, verschrieben. Aus eigener Tasche wird die Anreise dritter Klasse bezahlt. Man schläft im überfüllten Zug auf Bänken, im Gepäcknetz oder auf dem Gang. Reist so ein Deutscher Meister? Der Gegner ist schon da. Der DFC Prag, dessen Elf zum Großteil aus deutschen Studenten an der Karls-Universität besteht, hat noch Zeit, Hamburg zu erkunden. Und weil die Reeperbahn schon damals ihre Reize hat, vergeuden sie dort einige Kräfte, was sich rächen wird. Aber dazu später. Wichtiger ist die Frage, warum die Prager überhaupt mitspielen dürfen. Wo sie doch zu Böhmen-Mähren gehören. Aber der 1900 gegründete Deutsche Fußballbund brauchte Mitglieder, und sein Präsident Dr. Ferdinand Hueppe war zufällig auch derjenige des DFC Prag. Lasst sie also mitspielen, zumal seit Jahren reger Sportverkehr mit deutschen Klubs bestand. Allein der VfB Leipzig spielte vor dem Finale acht mal gegen Prag. “Noch im März”, mögen sich die Leipziger im Zug ermuntert haben, “haben wir sie 3:1 geschlagen.” Weit größer ist die Empörung darüber, wie die Prager ins Endspiel geraten konnten – ohne ein Tor, ohne ein Spiel. Ein handfester Skandal. Das kam so: Nur sechs von 28 Landesverbänden hatten ihre Meister gemeldet für die Endrunde. Schon da kam der DFC durch die Hintertür, er war nicht mal böhmischer Meister. In der ersten Hauptrunde dann stritten sich Prag und der Karlsruher FV so lange über den Spielort, bis der entnervte DFB beiden ein Freilos fürs Halbfinale erteilte. Wo sie wieder gegeneinander spielen sollten. Aber ein Anonymus aus Prag telegrafierte den Karlsruhern, das Spiel (in Leipzig) falle aus und unterzeichnete mit “DFB”. Die Karlsruher fielen auf den blöden Scherz rein und kamen nicht. 1000 Zuschauer warteten vergeblich – und der DFB bestimmte den DFC Prag zum Sieger. Schon war er im Finale. Das unwürdige Vorspiel zur Partie auf der kleinen Exerzierweide in Altona wird vormittags auf demDFB-Bundestag debattiert. Die 131 Funktionäre stellen fest, beide Klubs seien am Spielausfall, dem”Bubenstück eines Prager ‘Sportsmannes'”, unschuldig. Karlsruhe sei Unrecht geschehen. Pech gehabt. Das Finale findet trotzdem statt – mit Prag. Es ist ein herrlicher Tag. 21 Grad, leichter Wind. Der wichtigste Mann ist Franz Behr. Als Präsident des gastgebenden FC Altona 93 nimmt er alle wesentlichen Aufgaben auf sich. Er steckt das Feld, durch das ein Spazierweg verläuft, ab – mit Tauen, die an Besenstielen im Zehn-Meter-Abstand befestigt sind. Er ist auch Schiedsrichter, doch vorher muss er den Eintritt kassieren. Zwar wurde dafür ein Gartentisch von “Kreecks Schutz- und Erfrischungshalle” nebenan ausgeborgt, aber so mancher Pfingst-Spaziergänger schert sich nicht darum. Deshalb läuft Behr mit einem Teller am Feld entlang: “Bitte zahlen”. 473 Mark nimmt er ein, aber die Zuschauerzahl ist höher. Eine Karte mit der Nummer 534 wird das Jahrhundert überdauern. Der spätere Nationalspieler Ernst Eikhof, damals elf, erwirbt sie. Manche Quellen sprechen von 2000 Zuschauern, aber das scheint übertrieben. Damen sind auch zugegen, mit hochgesteckten Haaren, von Hutnadeln befestigt. Kurz vor Anpfiff trifft Leipzigs elfter Mann, Rechtsaußen Georg Steinbeck, ein. Sofern man ihn einen Mann nennen kann: Er ist 16. Der Thomaner-Schüler musste einen Zug später nehmen und bis hinter Magdeburg im Gang stehen. Als es um 16 Uhr los gehen soll, fehlt ein spielfähiger Ball. Behr lässt einen neuen englischen Lederball aus Altonas Vereinsheim holen. Das dauert. Um 16. 45 Uhr nimmt das erste Finale seinen Lauf. Um 17.07 Uhr fällt das erste Tor durch den Prager Meyer, dessen Vorname unbekannt ist. Walter Friedrich gleicht mit einem scharfen Schuss aus (31.), dann ist Pause. Danach spielt nur noch der VfB, die Prager zahlen für ihren Reeperbahnbummel ein zweites Mal. Eine direkt verwandelte Ecke von Adelbert Friedrich (49.) stellt die Weichen auf Sieg. Wann die anderen Tore fielen, weiß kein Mensch. Aber die Schützen kennen wir. 3:1 durch Heinrich Riso, Meyer verkürzt auf 3:2, dann je ein Doppelschlag von Bruno Stanischewski und von Heinrich Riso. Als es 6:2 steht, will Prags Meyer vor Wut vom Platz, man kann ihn beruhigen. Es ändert nichts. Nach 90 Minuten geht die Viktoria an Leipzig. Als die Helden zurückkommen, erwarten sie am Hauptbahnhof – sechs Fans.

welt.de

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